In der Vorrede zu Albert Schweitzers 1908 erschienenem Bach-Buch beschreibt Charles Marie Widor, 15 Jahre zuvor Schweitzers Lehrer, wie er den Schüler bat, ihm die musikalische Sprache der Bachschen Choralbearbeitungen nahe zu bringen. Im Gegensatz zu den freien Werken empfand Widor diese zunächst als fremd und unzugänglich. Schweitzer übersetzte seinem Lehrer die Liedtexte, knüpfte Verbindungen zu Bachs Motivik und Tonsymbolik und eröffnete ihm so den Zugang. Nachdem der Umgang mit Rhetorik in der Musik und mit Ton- und Zahlensymbolik nun seit Jahrzehnten für Organisten selbstverständlich geworden ist, mag der Verweis auf die Nähe von Text und Musik wie eine Binsenweisheit scheinen. Und doch waren bei einer Aufführung dieses Projektes bei den ‚Othmarscher Orgeltagen’ im Februar 2006 alle Anwesenden überrascht, in wie hohem Maße Wort und Ton korrespondieren. Sprache und Musik trugen sich in Puls, Atem, Melodie und Duktus gegenseitig – ein Wirken auf einer anderen Ebene als die mehr wissenschaftliche Suche nach tonsymbolischer Darstellung von Schlüsselworten oder Gesten des Textes. Die kurze Form des Orgelbüchlein-Chorals, oftmals kaum länger als der gelesene Text, macht diese poetische Nähe von Sprache und Musik besonders sinnfällig.