| Bachs Orgelbüchlein |
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Bachs Orgelbüchlein ist nicht nur die wohl bekannteste Sammlung von Choralbearbeitungen der gesamten Orgelliteratur - sie vermag darüber hinaus ein Organistenleben lang zu faszinieren. Spieltechnisch eher leichte Stücke (‚Ich ruf zu dir', ‚Jesu, meine Freude') machen schon den Anfänger am Instrument mit der Sammlung bekannt, deren Stücke mit hohem technischen Raffinement (‚Vom Himmel kam', ‚In dir ist Freude') auch den versierten Spieler fordern. Über allem aber stehen die unvergleichliche Qualität der Musik und der schier unendliche Einfallsreichtum des Komponisten. In den meisten Stücken des Orgelbüchleins wird die Liedmelodie ohne Zeilenzwischenspiele unverziert von der Oberstimme geführt, die Begleitstimmen kommentieren mit charakteristischen Motiven den Affektgehalt von Melodie und Text. Mag die Ansicht, im Orgelbüchlein ein ‚Wörterbuch Bachscher Tonsprache' (Albert Schweitzer) vorzufinden, etwas zu verklärend sein, so bezeugt die Sammlung doch einmal mehr Bachs geniale Fähigkeit, Stimmungen, Bilder und Aussagen der christlichen Heilsgeschichte auf subtile Weise in Töne zu setzen. In drei Bearbeitungen (‚Das alte Jahr', ‚O Mensch, bewein', ‚Wenn wir in höchsten Nöten sein') wird die Melodie verziert (koloriert) - die Texte dieser Lieder handeln von Not, Leid und Schmerz. Acht Bearbeitungen führen die Melodie im Kanon; der Kanon als strengste kontrapunktische Form in Bachs Werk hat das Interesse vieler Forscher auf sich gezogen. Ansporn zu dieser Technik mag der ‚Reiz des Unmöglichen' gewesen sein, scheinbar nicht im Kanon führbare Melodien eben doch auf diese Art zu bearbeiten. Aber auch die Idee der Symbolik der kompromisslosen Nachfolge Jesu unter dem Willen des Vaters leuchtet durchaus ein, zumal vier der acht Kanons unter den Passionsliedern auftauchen. So gut wie sicher ist, dass Bach um 1713, also in Weimar, mit der Arbeit an dem Orgelbüchlein begann. Stil- und schriftkritische Untersuchungen belegen, dass er über lange Zeit immer wieder an der Sammlung arbeitete. Wenngleich viele Fragen offen bleiben: Ist die Auswahl der tatsächlich vertonten Melodien planvoll oder zufällig? Wollte Bach die Sammlung vervollständigen, oder war das Sujet für ihn nach 45 Stücken erschöpft? Warum schrieb er das Orgelbüchlein - als Kompendium einer bestimmten Technik der Choralbearbeitung, als Unterrichtswerk, als Sammlung für den liturgischen Gebrauch? Welches Gesangbuch diente ihm als Melodienvorlage? Fast 300 Jahre nach der Entstehung lassen sich eindeutige Antworten kaum finden, für viele Sichtweisen gibt es ein Für und Wider. Auf einige verweist schon Bachs eigener Eröffnungsvers: Die pädagogische ‚worinne einem anfahenden Organisten Anleitung gegeben wird', darin die kompositorische ‚auff allerhand Arth einen Choral durchzuführen' und die spieltechnische ‚anbey auch sich im Pedalstudio zu habilitieren'. Wie all sein Schaffen widmet Bach aber auch dieses Werk ‚dem höchsten Gott allein zu Ehren' - Soli Deo Gloria. |